
Du bist mitten im schweren Satz, die Hantel wird langsamer, und plötzlich merkst du: Du hast seit drei Wiederholungen nicht mehr geatmet. Der Kopf wird heiß, das Gewicht fühlt sich doppelt so schwer an, der Satz ist vorbei. Genau hier entscheidet die Atmung beim Training mehr mit, als die meisten glauben. Sie versorgt die Muskeln mit Sauerstoff, stabilisiert deinen Rumpf unter Last und bestimmt, ob du beim Laufen ruhig bleibst oder hechelst. Und sie ist eine der wenigen Stellschrauben, die du sofort und ohne Equipment verändern kannst.
Was Atmung beim Training im Körper leistet
Beim Einatmen zieht sich das Zwerchfell zusammen und senkt sich ab, der Brustkorb weitet sich, Luft strömt in die Lunge. Beim Ausatmen entspannt das Zwerchfell, steigt wieder nach oben und drückt die Luft heraus. In den Lungenbläschen findet der Gasaustausch statt: Sauerstoff geht ins Blut, Kohlendioxid als Abfallprodukt des Stoffwechsels wird abgeatmet.
Wie viel Luft du dabei bewegst, hängt von Tiefe und Tempo der Atmung ab. In Ruhe sind das grob 6 bis 8 Liter pro Minute, unter harter Belastung steigt der Wert auf ein Vielfaches, bei gut trainierten Ausdauersportlern auf über 100 Liter. Dein Körper regelt das weitgehend automatisch. Was er nicht automatisch regelt, ist das Muster: ob du tief in den Bauch oder flach in die Brust atmest, ob du bei der Anstrengung ausatmest oder die Luft anhältst. Das ist Gewohnheit, und Gewohnheiten lassen sich trainieren.
Bauchatmung oder Brustatmung?
Grob unterscheidet man zwei Muster:
- Bauch- oder Zwerchfellatmung: Beim Einatmen wölbt sich vor allem der Bauch nach vorn. Das Zwerchfell arbeitet aktiv, pro Atemzug wird viel Luft bewegt. Das ist effizient, spart Energie und baut Druck im Bauchraum auf, der die Wirbelsäule unter Last stützt.
- Brustatmung: Vor allem der obere Brustkorb hebt sich, oft ziehen Nacken und Schultern mit hoch. Die Atemzüge sind flacher und schneller. Dieses Muster taucht typischerweise unter Stress und bei sehr hoher Intensität auf.
Für Alltag, Aufwärmen und moderates Training sollte die Bauchatmung dominieren. Bei sehr hohen Belastungen kommt die Brustatmung automatisch dazu, das ist normal und sinnvoll. Problematisch wird es nur, wenn flache Brustatmung dein Standard ist, auch in Ruhe.
Schneller Selbsttest: Leg eine Hand auf den Bauch, eine auf die Brust und atme normal. Bewegt sich fast nur die obere Hand, atmest du überwiegend in die Brust.

Atmung im Krafttraining: ausatmen, wenn es schwer wird
Im Krafttraining hat die Atmung zwei Aufgaben. Sie liefert Sauerstoff, und sie hilft, die Rumpfspannung zu halten. Die Grundregel ist einfach:
- In der überwindenden Phase, wenn du das Gewicht gegen den Widerstand bewegst, atmest du aus.
- In der nachgebenden Phase, wenn du das Gewicht kontrolliert absenkst, atmest du ein.
Für die wichtigsten Grundübungen heißt das konkret:
| Übung | Einatmen | Ausatmen |
|---|---|---|
| Kniebeuge | Oben im Stand, vor dem Absenken | Beim Hochdrücken aus der Hocke |
| Bankdrücken | Beim Absenken der Hantel zur Brust | Beim Drücken nach oben |
| Kreuzheben | Unten, bevor die Hantel den Boden verlässt | Beim Aufrichten |
| Klimmzug | Im Hang, Arme gestreckt | Beim Hochziehen |
| Schulterdrücken | Beim Absenken zur Schulter | Beim Drücken über den Kopf |
| Liegestütz | Beim Absenken zum Boden | Beim Hochdrücken |
Wichtig: Ausatmen heißt nicht, die ganze Spannung rauszulassen. Atme gegen leicht geschlossene Lippen aus, als würdest du eine Kerze flackern lassen, nicht ausblasen. So bleibt der Rumpf fest, während die Luft langsam entweicht.
Das Valsalva-Manöver
Bei sehr schweren Sätzen mit wenigen Wiederholungen nutzen Fortgeschrittene oft das Valsalva-Manöver: tief einatmen, Luft anhalten, Bauch anspannen und den Druck im Rumpf halten, bis der schwerste Punkt der Bewegung überwunden ist, dann ausatmen. Das stabilisiert die Wirbelsäule spürbar, treibt aber den Blutdruck kurzfristig deutlich nach oben. Für Anfänger ist es nicht nötig, und wer Probleme mit Blutdruck, Herz oder Kreislauf hat, sollte das vorher ärztlich klären. Für die meisten Sätze im Bereich von 6 bis 15 Wiederholungen reicht die Grundregel oben völlig aus.
Atmung im Ausdauertraining: Rhythmus statt Hecheln
Beim Laufen, Radfahren oder Rudern geht es nicht um einzelne Wiederholungen, sondern um einen gleichmäßigen Rhythmus, der zur Bewegung passt. Läufer koppeln die Atmung meist an die Schritte. Welches Verhältnis passt, hängt von der Intensität ab:
| Intensität | Sprechtest | Atemrhythmus (Schritte ein : aus) | Nase oder Mund |
|---|---|---|---|
| Locker: Dauerlauf, Aufwärmen | Ganze Sätze möglich | 3:3 oder 4:4 | Überwiegend Nase |
| Moderat: zügiger Dauerlauf | Kurze Sätze möglich | 2:2 oder 3:2 | Nase und Mund |
| Hoch: Tempoläufe, Intervalle | Nur einzelne Wörter | 2:1 oder 1:1 | Überwiegend Mund |
Die Zahlen sind Richtwerte, keine Vorschrift. Entscheidend ist, dass du das Muster halten kannst, ohne dass es hektisch wird. Nasenatmung hat bei niedriger Belastung Vorteile: Die Luft wird gefiltert, angewärmt und angefeuchtet. Sobald die Intensität steigt, reicht sie nicht mehr, dann kommt der Mund dazu.
Wenn du merkst, dass du aus dem Rhythmus kommst, nimm das Tempo für 20 bis 30 Sekunden leicht raus, atme ein paarmal bewusst tief aus und finde den Takt neu.
Häufige Fehler und was sie dich kosten
- Luft anhalten ohne Plan: Viele halten unter Last unbewusst die Luft an, oft über mehrere Wiederholungen. Das fühlt sich kurz stabil an, kann aber zu Druck im Kopf, Schwindel und im Extremfall zu einem kurzen Blackout führen. Außerdem steigt der Blutdruck stärker als nötig, und der Satz endet oft früher, als er müsste.
- Flache Brustatmung: Wer nur flach in den oberen Brustkorb atmet, muss sehr oft atmen, ermüdet schneller und verspannt Nacken und Schultern.
- Atmung ohne Rhythmus beim Ausdauertraining: Wenn Atmung und Bewegung nicht zusammenpassen, wirkt jeder Lauf anstrengender, als er sein müsste, und die Belastung lässt sich schlecht einschätzen.
Atmung und Nervensystem: der Schalter zwischen Gas und Bremse
Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl automatisch als auch bewusst gesteuert werden. Damit ist sie ein direkter Zugang zum autonomen Nervensystem. Schnelle, flache Atmung geht mit Aktivierung einher, dem Sympathikus. Langsame, tiefe Atmung mit betonter Ausatmung wird mit dem Parasympathikus in Verbindung gebracht, dem Modus für Ruhe und Erholung.
Im Training willst du Aktivierung, danach willst du runterfahren. Zwei einfache Techniken, die dafür ausreichen:
- Box Breathing vor dem Training oder vor einem schweren Satz: 4 Sekunden einatmen, 4 Sekunden halten, 4 Sekunden ausatmen, 4 Sekunden halten. Vier bis sechs Zyklen. Das beruhigt und hilft, den Fokus zu schärfen.
- Verlängerte Ausatmung zwischen den Sätzen und nach dem Training: Etwa 3 Sekunden einatmen, 5 bis 6 Sekunden ausatmen. Die längere Ausatmung kann helfen, den Puls schneller zu senken, als wenn du einfach nur dastehst und wartest.

Drei Übungen, mit denen du deine Atmung trainierst
- Zwerchfellatmung im Liegen: Rückenlage, Knie angewinkelt, eine Hand auf dem Bauch, eine auf der Brust. Durch die Nase einatmen und den Bauch gegen die Hand heben, der Brustkorb bleibt ruhig. Langsam durch den Mund ausatmen. Fünf bis zehn Minuten täglich, nach einigen Wochen wird das Muster zur Gewohnheit.
- Bewusste Atmung im Warm-up: Während der ersten fünf Minuten auf dem Rad oder beim Einlaufen achtest du nur auf Tiefe und Rhythmus. So koppelst du Atmung und Bewegung, bevor die Intensität steigt.
- Atmung an leichte Sätze koppeln: Nimm den ersten Aufwärmsatz einer Übung mit leichtem Gewicht und sprich die Atmung innerlich mit: einatmen beim Absenken, ausatmen beim Drücken. Nach ein paar Wochen läuft das im schweren Satz von allein.
Wo die Atmung an ihre Grenzen kommt
Bessere Atmung macht dich nicht automatisch stärker oder schneller. Sie sorgt dafür, dass du das, was du an Kraft und Ausdauer hast, sauber abrufen kannst. Fortschritt kommt weiterhin aus Trainingsreiz, Steigerung, Ernährung und Schlaf. Wer bei jedem Satz perfekt atmet, aber seit Monaten dasselbe Gewicht bewegt, hat ein anderes Problem.
Atemtechniken sind außerdem keine Therapie. Bei Schwindel, Druckgefühl im Kopf oder Atemnot während des Trainings hörst du auf und klärst die Ursache. Wer Asthma, Herz-Kreislauf-Probleme oder Bluthochdruck hat, sollte vor allem Techniken mit Luftanhalten vorher ärztlich absprechen.
Atmung ist einer der unscheinbarsten Faktoren im Training und einer, den du sofort beeinflussen kannst: Bauch statt Brust, ausatmen, wenn es schwer wird, ein Rhythmus, der zur Bewegung passt, und ein paar ruhige Atemzüge, wenn die Einheit vorbei ist. Das reicht, um stabiler zu heben, gleichmäßiger zu laufen und schneller wieder runterzukommen.
Am leichtesten lernst du das nicht am Schreibtisch, sondern an der Übung selbst: indem du bei jeder Bewegung weißt, wo die überwindende und wo die nachgebende Phase ist. Genau dafür hilft es, jede Übung einmal sauber im Video gesehen zu haben, bevor du sie mit Gewicht machst.
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Hinweis: Dieser Artikel ist eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine ärztliche oder physiotherapeutische Beratung. Bei Vorerkrankungen, Beschwerden oder nach längeren Trainingspausen sprich vor dem Start mit deinem Arzt.